bremer kriminal theater
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Das SPANNENDSTE Theater Bremens...

 

Wie kommt man eigentlich auf die Idee, ein Kriminaltheater zu eröffnen? 



Wenn Sie erwarten, wir erzählen hier jetzt von unserer großen Affinität zum Krimi, von unserer Leidenschaft sozusagen schon von Kindesbeinen, gewissermaßen von "Emil und die Detektive" an, dann müssen wir Sie leider enttäuschen. Als unser Kollege Christian Aumer - das ist eindeutig der mit der Affinität von Kindheit an - uns diese Idee präsentierte, erntete er zunächst einmal und primär Skepsis: Kriminaltheater? Ist das nicht so etwas ganz Altbackenes, Verstaubtes? Und: Wollen wir uns denn wirklich für den Rest unseres künstlerischen Schaffens dermaßen inhaltlich beschränken, auf so einen Sektor einengen lassen? Wollen wir als Theatermacher von nun an echt immer nur dasselbe machen?








Das so ungefähr waren die ersten Reflexe auf die Idee "Kriminaltheater". Andererseits: Ein Theater wollte nun mal ins Leben gerufen werden. Es war das erklärte Ziel, dreißig Jahre Theatererfahrung in der Eröffnung eines eigenen Hauses zu bündeln. Aber welche Art von Theater könnte in der Bremer Theaterlandschaft denn überhaupt einen Sinn machen? Oder präziser: Mit welcher Art von Theater hätte man denn eine Chance - jenseits von Förderungen eines notorisch klammen Bundeslandes - zu überleben? Also beschlossen wir, den Gedanken doch nicht gleich zu verwerfen, sondern erst einmal einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Aber es bedurfte schon einer ziemlich langen Anlaufzeit, intensiver Auseinandersetzung, mannigfacher Lektüre und vieler Diskussionen über das Phänomen, bevor wir begannen - im wahrsten Sinne des Wortes - Blut zu lecken.

Erst einmal reisten wir. Nach Hamburg. Nach Berlin. Dorthin halt, wo es Kriminaltheater bereits gab. Und wir sahen Anhaltspunkte, die uns in unserem Anfangsverdacht bestätigten: richtig modernes, zeitgemäßes Theater war das nicht. Stattdessen fühlte man sich gemeinsam mit dem Publikum in seinen Reminiszenzen an die 50er Jahre wohl. Auf der Bühne (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne) Nierentische und jede Menge Nippes. Und ein formales Verständnis von Theater, ein Schauspielstil, der auch schon ein wenig nach vergangenen Jahrzehnten roch.



In Berlin verblüffte uns dann eine Bühnenfassung vom "Hund von Baskerville", die das gesamte Geschehen in den Saal von Baskerville Hall verlegte. In einen Innenraum! - Wenn es irgendetwas gibt, was den Hund der Baskervilles seit Generationen im kollektiven Gedächtnis verankert, dann ist es die düstere Atmosphäre des Moors. Aber ein "Hund" ganz ohne Moor? Und, bei Lichte besehen, eigentlich auch ganz ohne Hund! Ohne quälend langsam und unerbittlich im Schlamm versinkende Hände? Und ohne die permanente Gefahr, mit jedem falsch gesetzten Schritt diesen Händen nachzufolgen? Sicher, das ist schwierig für ein Theater. Aber wenn man sich dieser Schwierigkeit auch nicht ansatzweise stellt - macht dann ein "Hund der Baskervilles" auf der Bühne überhaupt noch Sinn? fragten wir uns.

Aber was soll man sagen: auch das funktionierte. Jedenfalls irgendwie. Echte Begeisterung wollte zwar nicht aufkommen, aber die Säle voll. Das fanden wir erstaunlich. Aber was war daraus zu lernen? Denn: Wer bitte guckt das? Was sind das für Leute, die diese Säle füllen? Viel Dialekt um uns herum deutete an, dass die Partizipation am Tourismus der Metropolen für diese Kriminaltheater ein nicht unwesentlicher, wenn nicht DER Faktor ist. Nun, das würde uns in Bremen schon mal kaum weiterhelfen. Denn vom hauptsächlich Ryan-Air-bedingten Tourismus-Aufschwung in Bremen profitieren, wenn überhaupt, in erster Linie von der Sprache unabhängige Institutionen wie das GOP und das Teatro Magico. Für uns ein Faktor unter mehreren, aber bestimmt kein Ast, auf dem sich sitzen ließe.



Doch das war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon fast egal. Angesichts der eher ernüchternden Befunde und der wachsenden Erkenntnis, dass all das mit unserer Vorstellung von Theater wenig zu tun hatte, war längst so etwas wie Widerspruchsgeist in uns erwacht. Man muss doch nicht, sagten wir uns, bloß weil man Kriminaltheater macht, alles vergessen, was man über Theater weiß! Man kann das doch, weiß Gott, lebendiger, sinnlicher, aufregender, konsequenter, heutiger machen als alles, was wir da gesehen haben!


So begannen vor unserem geistigen Auge die Grundzüge eines anderen Kriminaltheaters Gestalt anzunehmen. Eines, das Lust am inhaltlichen und formalen Experimentieren hat. Das sich nicht mit einer einmal gefundenen Verbindung von Krimi und Theater zufrieden gibt. Das schlicht beide Bestandteile des Begriffs "Kriminal-Theater" ernst nimmt. Und so begriffen, ist "Kriminal-Theater" plötzlich auch keine künstlerische Einschränkung mehr. Sondern ein aufregendes Terrain mit einer schier unendlichen Fülle von Stoffen einerseits, von Mitteln und Wegen, sie auf die Bühne zu bringen, andererseits.



Diesen Weg haben wir einzuschlagen versucht. Siebzehn Inszenierungen sind seither über die Bühne in der Friesenstraße gegangen. Keine wie die andere. Siebzehn verschiedene Versuchsanordnungen. Und wenn uns mitunter auch der Verdacht beschleicht, rein wirtschaftlich könnte es lohnender sein, bei einem einmal gefundenen Erfolgsrezept zu bleiben (denn mehr und mehr wächst die Einsicht, dass andere ihren Erfolg nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer überkommenen ästhetischen Konzepte feiern), dann stürzen wir uns Hals über Kopf in die aufregende Arbeit an unserem nächsten Projekt, an unserer nächsten ganz persönlich gesteckten Herausforderung und sind fest davon überzeugt, dass eine solche Auffassung von Theater eindringlichere Theatererlebnisse - und hoffentlich auch nachhaltigere Fan-Gemeinden erzeugt.


PS  Die Fotos auf dieser Seite stammen übrigens ausschließlich aus unserer eigenen Inszenierung "Der Hund der Baskervilles" (Premiere 13. März 2014)